Zeitenwende

Platsch

Sechs Hasen wohnten einmal an einem kleinen See inmitten eines Papaya-Waldes. Als die Früchte reiften, fiel eine Papaya-Frucht auch ins Wasser und machte "Platsch"!

Die Hasen, die dieses Geräusch noch nie gehört hatten, erschraken gewaltig und stoben auseinander.
Ein Fuchs sah sie davonlaufen und rief ihnen zu "Was ist los? Warum lauft ihr denn so?"
"Der Platsch kommt", keuchten die Hasen und rannten weiter. Kaum hatte der Fuchs dies vernommen, da nahm er einen Anlauf und sauste ebenfalls los.

Voller Neugier sah ein Affe von einem Baum aus den flüchtenden Fuchs und fragte: "Was hast du's denn so eilig, brennt's denn irgendwo?"
"Der Platsch kommt", rief außer Atem der Fuchs, hielt aber in seinem Laufen gar nicht inne.
Der Affe besann sich nicht lange und jagte davon. Von Ast zu Ast sich schwingend, dann wieder auf dem Boden hüpfend, brach er duch das Gehölz, als wäre der Teufel hinter ihm her.

Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile bei allen Tieren in Wald und Steppe. Einer hörte es von dem anderen. Zuletzt schien alles auf der Flucht zu sein. Die Hirsche setzten in großen weiten Sprüngen über die Hindernisse, die Büffel stampften in großen Herden über die Ebenen. Mit gewaltigem Gestampfe donnerten Nashörner und Elefanten einher; Bären, Leoparden, Tiger und Löwen hetzten nebeneinander durch den Wald, und grunzend rannten Schweine hinterdrein.

Jeder dachte nur an Flucht, alle machten sich gegenseitig Angst, da einer den anderen jagen und rennen sah, als ging's ihm an den Kragen. Die flüchtenden Tiere kamen schließlich zu einem Berg, an dessen Fuß ein alter Löwe mit einer langen Mähne lag. Wie er die vielen Tiere so dahinjagen sah, rief er einem Löwen zu: "Warum so eilig, Bruder? Was rennst du denn, hast doch Zähne und mächtige Pranken!"

"Der Platsch kommt!" rief der Löwe und wollte weiter.
"Der Platsch? Wer ist das denn? Wo ist er?"
"Weiß ich auch nicht", meinte der andere, der vor Schweiß triefte.
"Also langsam", sagte der alte, erfahrene Löwe. "Dieser Sache müssen wir nachgehen. Woher hast du denn die Nachricht?"

"Der Tiger kam vorbei und hat es mir gesagt", meinte der Löwe, der nun in seinem Lauf innegehalten hatte. In die große Reihe der flüchtenden Tiere war eine Stockung gekommen. Der alte Löwe benutzte die Gelegenheit, machte mit scharfem Auge den Tiger in dem allgemeinen Durcheinander ausfindig und fragte ihn, woher er denn von Platsch wisse.
"Ich hab' es vom Leoparden", sagte der Tiger. Der Leopard bekannte, dass er vom braunen Bären gewarnt worden war, und jener hatte die Nachricht von seinem Vetter, dem schwarzen Bären. Die Elefanten, die Nashörner, die Wasserbüffel und Hirsche wurden gefragt, zuletzt auch Fuchs und Schwein, aber niemand wusste genaues über Platsch zu berichten. Der Fuchs wiederum meinte, er habe die Nachricht von den sechs Hasen am See vernommen.

Der Löwe mit der langen Mähne war alt und erfahren und fragte auch die sechs Hasen.
"Wir haben ihn gehört! Mit unseren eigenen Ohren haben wir den Platsch gehört", sagten die Hasen und boten sich an, alle Tiere zu dem Ort zurückzuführen.

Die Hasen führten auf den Befehl des alten Löwen hin nun alle Tiere zu dem See im Papaya-Wald. "Hier haben wir ihn gehört", sagten sie und schauten sich furchtsam um. In diesem Augenblick fiel eine Papya-Frucht "Platsch"! vom Baum herab ins Wasser. Der alte Löwe sagte ruhig und mit Humor: "Eine Papaya-Frucht ist ins Wasser gefallen. Wollt ihr nicht wieder davonlaufen?"

Da lachten alle Tiere und atmeten erleichtert auf; den Hasen aber wurde in Zukunft nicht allzuviel mehr geglaubt.

aus:
"Chinesische Märchen"
Fischer Taschenbuchverlag
Übersetzter und Herausgeber Josef Guter, 1973